Algier, die weiße Stadt

Das Licht des Südens, der Staub der Vergangenheit: Die Stadt am südlichen Mittelmeer pendelt zwischen den Welten, zwischen Gestern und heute. Algier bezaubert auf ewig. Und beschert seinen Besuchern einen schwindelnden Rausch.

Ein Samstagmorgen in der Rue Didouche Mourad, am Fuße der Universität von Algier. Zwei Musiker stellen die Hocker in den Schatten eines Ficus-Baums und  beginnen zu singen. Der ältere Mann, mit weißem Haar und brauner, verwaschener Jacke zupft die Saiten einer Mandoline.
Der Jüngere trägt Bart und Mütze. Er spielt auf der Darbouka, der nord afrikanischen  Bechertrommel. Um sie herum schließt sich ein Kreis aus Menschen. Für den Lärm und Verkehr der Stadt haben sie kein Ohr.

Andächtig lauschen sie den Klängen der Instrumente. Sie formen eine Melodie, die sich zu reichen Arabesken aufschwingt und einer beinahe endlose Schlange  nüpft. Nur ein paar Kinder trauen sich nah heran.

Wenige Zentimeter entfernt verharren sie vor den Männern, die fortfahren, ihr Publikum zu hypnotisieren: alte Männer mit Krawatten, Frauen mit oder ohne Schleier, Studenten, Lieferjungen, Kellner, Büroangestellte und Arbeiter.

Gebannt halten sie inne, die tausenderlei Gestalten der Straßen von Algier, nicken die Köpfe im Takt, inhalieren die Klänge. Manchmal entfährt der Menge ein Jubel, ein Händeklatschen – der Lohn für die Künstler, die im Schatten des Ficus den Chaabi aufspielen, ein Mix aus religiöser, andalusischer und Berber-Musik.

Die Kraft der Sonnenstrahlen zwingt die Musiker schließlich aufzuhören. Die Menschen verlieren sich in den Straßen, doch die alten Melodien nehmen sie mit. Die Hitze macht sie nicht schwindeln, sie fühlen sich wohl in diesem Licht, im Herzen dieser Stadt, in der sie geboren wurden, die mit ihrer wechselvollen Vergangenheit für immer ihr Zuhause sein wird.

Zu Füßen, ganz unten, der Hafen von Algier: er hat sich in einem halben Jahrhundert kaum verändert. Kreuzfahrtschiffe kommen und gehen

Algier, das wie viele Städte am Mittelmeer ein langes Gedächtnis hat. Wie eine alte Dame thront die Stadt auf ihren Hügeln und schaut hinaus auf das Meer. Sie sieht alles, was sich unter den vier Winden zuträgt, seit Herkules und seine Gefährten die Fundamente des alten Ikosim legten. Die Phönizier nannten sie „Insel der Möwen“ – von den Karthagern zerstört, bei den Römern als Icosium bekannt. Algier führt jeden Spaziergänger unvermeidlich in den Wirbel der Geschichte, der Antike und der Moderne, des Schmerzes und des Vergessens.

Das Wort Algier stammt von al Djazâir, arabisch für „die kleinen Inseln“. Erstaunlich, dass das größte Land des afrikanischen Kontinents seinen Namen einigen wenigen Insel verdankt, die nicht mal mehr zu sehen sind. Doch es gibt sie noch, wenn auch seit Jahrhunderten unter Felsen und Beton begraben, gegenüber dem Hafen, dem alten Kai der Admiralität, der alten Handelskammer, der Kasbah.

An der Seepromenade ist die französische Kolonialzeit noch präsent. Die Treppen-
kunst an der Rue Dr. Saâdane erzählt von Algiers Aufbruchstimmung (links)
Die Cathédrale du Sacré-Coeur von 1956 vergöttert den Beton (rechts)

Im Jahr 1510 pflanzten die Spanier in Fortsetzung der Reconquista „einen Dorn im Herzen der Algerier“ – so die Worte von Khair al-Din Barbarossa, der diesen Dorn zwei Jahrzehnte später entfernen sollte. Auf einer dieser Inseln war es den Kastiliern gelungen, eine Festung zu errichten, deren Kanonen nicht nur auf das offene Meer gerichtet waren: Für Pedro Navarro, Kapitän unter dem Befehl von König Ferdinand II., ging es vor allem darum, die turbulente Piratenhöhle zu bändigen. Die Spanier setzen die Stadt 19 Jahre lang unter Druck. 1529 gelang es Barbarossa und seinen Janitscharen endlich, die Mauern zu durchbrechen. Die Soldaten, die dem Massaker entkamen, wurden versklavt. Später legten die Herren der Stadt zwischen Küste und Insel einen Deich an. Der Deich, nach Osten ausgerichtet, sollte den Seeleuten Schutz bieten.

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