The wild side of Cambodia

The wild side of Cambodia

 Den Sonnenaufgang in Angkor erlebt man am schönsten am Lake Srah Srang: Die Sonne spiegelt sich in heiligem Wasser, in das man nach dem magischen
Moment noch eintauchen kann. Einen schöneren Auftakt könnte selbst der Ritt auf einem Elefanten durch das Nirwana nicht bieten

Reise von der untergegangenen Königs-
Stadt Angkor bis an den Golf von Siam

Text Mathias Forster

5Uhr 30. Gleich wird es geschehen. Davon künden das Gezirpe der Grillen, das Pfeifen der Flughunde, die Morgenständchen der Bartsittiche. Und wer seine Ohren spitzt, kann dazu noch ein feines Summen vernehmen: den Singsang buddhistischer Mönche, die zu früher Stunde in steinalten Heiligtümern ihre religiösen Riten vollziehen. Ich hocke unterhalb einer verwitterten Palastruine auf dem Phnom Bakheng, einem Hügel im Westen des Archäologischen Parks von Angkor mit weitem Blick über das Weltwunder. Der Park ist bereits seit einer halben Stunde zugänglich, aber noch liegt Frieden über dem magischen Ort. Spätestens ab halb acht, wenn der Eintritt zu den Tempeln des Weltkulturerbes freigegeben wird, werden die Massen kommen, auf Mietfahrrädern und zu Fuß, mit Shuttles, Bussen und Tuk-Tuks – im vergangenen Jahr waren es an die drei Millionen. Wer will es ihnen verdenken? Ich nicht, ich zähle ja dazu.

Aber der frühe Vogel sieht den Sonnenaufgang. Kurz vor sechs ergießt sich sanftes Morgenrot über die größte Kultstätte auf Erden. Für einen Augenblick scheint die Welt ringsumher zu verstummen, als hielte sie den Atem an angesichts so viel unwirklicher Schönheit. So magisch ist dieser Moment, dass man seine Lider schließen möchte – aber das wäre nicht ratsam. Besser, man kostet einen Anblick aus, den man nie vergisst: ein orangefarben bestrahltes Ensemble aus 1000 verwitterten Tempeln, gebettet in tropisches Grün und gekrönt von Angkor Wat mit seinen wie Lotosblüten geformten Türmen. Erbaut wurde das Meisterstück der Khmer-Architektur im 12. Jahrhundert unter König Suryavarman II.

Damals lebten allein innerhalb von Angkor Wat etwa 20 000 Menschen: der Hofstaat des Königs sowie das geistliche Personal. Ringsumher standen Siedlungen aus Holzhäusern und Bambushütten für Hunderttausende. Das ganze Ausmaß der Metropole kennt man erst, seit Wissenschaftler des Angkor Research Project das riesige Areal mithilfe von Satellitenfotos der NASA neu vermessen konnten. Aufgrund der neuen Erkenntnisse wird Angkors Einwohnerzahl im späten Mittelalter auf eine Million und seine Fläche auf 1000 Quadratkilometer geschätzt. Das heutige New York City ist um ein Viertel kleiner. Der Lebensquell der Metropole war das Wasser, das vom heiligen Berg Phnom Kulen in die Ebene von Angkor strömte und von Khmer-Technologen in ein ausgeklügeltes Kanalsystem geleitet wurde. Das Netzwerk wurde im Lauf von sechs Jahrhunderten ständig ausgebaut.

Bis zu Angkors – menschen-gemachtem – Untergang um 1500. Das Verhängnis begann unter der Dynastie der bauwütigen Jayavarman-Gottkönige. Wer wie irre baut, braucht viele Arbeiter, also mehr Bedarf an Holz, Wasser und Reis. Drei Ernten im Jahr wurden den Bauern abgefordert, die Folgen waren Kahlschläge, Erschöpfung der Wasserressourcen, Klimakrise, Dürreperioden. Als wär’s ein Lehrstück für heutige Zeiten.

Das Villen-Ensemble Shinta Mani (= „gutes Herz”) in Siem Reap komponiert zeitlose Ästhetik und Khmer-Tradition zu High-End-Chic. Die Muster von Entree und Privatpool zitieren die Grundrissformen von Angkor, die Terrasse des Restaurants „Kroya” antwortet mit schwarz-weißen Streifen

Am Fuß des Phnom Bakheng wartet mein Tuk-Tuk. Bei dichtem Gegenverkehr der anrückenden Touristenströme kutschiert es mich in 20 Minuten nach Siem Reap. Hier ist das Leben längst erwacht, die Straßen sind voll von verbeulten Autos, antiken Motorrädern und Tuk-Tuks, jeder hupt, aber nur zur freundlichen Warnung. Etwas ruhiger geht es im Zentrum zu, wo man rund um den „Old Market“ noch die alten französischen Kolonialbauten bewundern kann.

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