Seite 2 Anleitung zum Glücklichsein

Das Resultat ist mustergültiger Purismus: weiße Steinmauern, mit Schindeln bedeckte, an die Bergbauernhäuser der Alpen erinnernde Dächer und in den Zimmern helles Holz und dezente Farben. Für beglückende Weitblicke, atemberaubender noch als der kurze Anstieg zum Quartier, sorgen großzügige Glasfronten und Veranden. Aber kann man Glück per Verfassung verordnen? Das täte der König ja nicht, sagt Tashi, er wolle nur Bedingungen dafür schaffen. Deshalb gehören Bildung, Gesundheit, Umweltschutz und die Bewahrung der Kultur zur Staatsräson. Die Moderne durfte nur Schritt für Schritt Einzug halten: Erst seit 40 Jahren gibt es Elektrizität, seit 20 Jahren Fernsehen. Heute gehören Smartphones zum Alltagsbild. Dennoch haben sich die Bhutanesen ihr spirituelles Verhältnis zur Natur bewahrt. Zwei Drittel des Landes sind bewaldet und sollen es auch bleiben, belebt von Schneeleoparden, Schwarzhalskranichen, Kragenbären und einigen Dutzend Tigern. Gibt es das Risiko, einem zu begegnen? „Unsere Tiger bevorzugen Wildschweine“, lächelt die GEM. Trotz seiner 100 000 Einwohner wirkt die Hauptstadt Thimphu eher dörflich.

Kloster Bhutan
Die Menschen im Königreich führen ein beschauliches Leben – innerhalb und außerhalb der Klostermauern. In kinderreichen Familien wird meist ein Sohn zum Mönchsein erzogen. An die 100 000 sollen es sein

Auf den Dächern der Häuser trocknen Chilischoten, Gebetsfahnen flattern im Wind, allerorts wird geschnitzt, gestickt, genäht und getöpfert, an malerischen Plätzchen sammelt man sich zum Plausch. Die meisten Männer gehen im Gho, einer Tracht aus knielangem Wickelrock und Morgenmantel über langen, dunklen Kniestrümpfen, die Frauen tragen ihre Kira bodenlang. Und die einzige Ampel an der belebtesten Kreuzung ist längst entsorgt, weil die Menschen nichts damit anfangen konnten. Jetzt regelt hier wieder ein Polizist in weißen Handschuhen den Verkehr. Apropos: Verkehrsschilder gibt es auch kaum, dafür viele Schilder, die zur Entschleunigung mahnen: „No hurry – no worry!“

Bhutan Reise
Phallus-Symbole zieren die Tempel und Häuser von Sopsokha. Sie verprechen Fruchtbarkeit. Der Straßenverkehr in Bhutans Hauptstadt Thimphu wird nach guter alter Manier von Hand geregelt

Entsprechend gemächlich klettert unser Hotelbus über zahllose Serpentinen den 3100 Meter hohen Dochula-Pass hinauf und dem versprochenen Blick auf Bhutans Siebentausender entgegen. Leider zieht Nebel auf, und wir müssen uns mit einem Riesenposter der Bergkette begnügen. Gänzlich unverschleiert hingegen präsentieren sich die Attraktionen im „Phallus-Dorf“ Sopsokha jenseits des Passes: Penis-Malereien an Hauswänden, Penis-Skulpturen in den Handwerksläden, Riesenpenisse, die von Mönchen um ihre Tempel getragen werden. Verantwortlich für den Zauber ist ein heiliger Narr namens Drukpa Künley, der einst einen Dämon mit seinem, nun ja, Phallus überwältigte.

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