Seite 2 La Ville Blanche

Algier, mehrere Jahrhunderte lang unter Kontrolle des Sultans von Konstantinopel, wurde zum größten Abtrünnigen- und Freibeutertreff des gesamten südlichen Mittelmeers. Und auch zum sichersten: Jahrhundertelang bissen sich die westlichen Seemächte daran die Zähne aus. Das brachte der Stadt den Ruf der Unverwundbarkeit, dem Frankreich erst spät ein Ende setzte. Seit Übernahme Algeriens durch die Franzosen im Jahr 1830 bietet der Hafen nur noch den Fischern eine Heimat. Raïs Loubes, Raïs Rachid, An Noura: Ihre Boote tragen noch immer die Namen der Galeonen, auf denen die Söhne der Küste einst Panik säten zwischen Barcelona und Genua, von Marseille bis Palermo. Sie überfielen Männer, Frauen und Kinder, plünderten, versklavten und verkauften sie auf dem Markt der Kasbah an die Meistbietenden.

Cafe in Algier
Stille Lesestunde im Café La Renaissance (links) und maurische Pracht im Restaurant El Djenina.

Ebendort, wo der Place des Martyrs liegt, dem die Franzosen das heutige Gesicht gaben und ihn Place du Gouvernement nannten. Am frühen Morgen, wenn Algier noch schläft, die Morgendämmerung gerade über den Horizont steigt und sich ein herrliches Licht über die Fassaden breitet, legen die Boote der Fischer im heimischen Hafen an, gleich neben dem riesigen, 1939 erbauten Hangar. Dann schleichen die Katzen, die die Nacht in den Falten der Netze verbrachten, heran und beobachten interessiert die Ankunft ihres Frühstücks. Geschäftig stellen die Matrosen die vollen Kisten auf den Kai. Ein einzelner großer Schwertfisch, die Flanke rund und glänzend, das Auge noch rund vor Erstaunen, liegt auf einem Handkarren, den ein Mann in chinesischem Blau, der traditionellen Tracht der algerischen Seeleute, eilig zum Fischhändler auf der anderen Seite der alten Moutonnière-Route schiebt, wo die Beute in Scheiben zerteilt wird. Die Cafés rundum bedienen die ersten Kunden.

ZWISCHEN TRADITION UND MODERNE: Das Teehaus „Le Relais Kasbah” in der Rue Arbadji ist zeitlos

Die Sonne geht auf, die Stadt erwacht

Auf den Hügeln liegt Algier nun in ganzer Pracht, mit seiner wilden, anarchischen Masse der Häuser der Altstadt. Als Frankreich 1830 die Stadt eroberte, bestand sie vor allem aus der Kasbah mit ihren traditionellen weißen Häusern, die sich von der Spitze des Berges bis zum Meer hinunter ziehen. Enge Straßen, Bettler, Paläste, die sich in Sackgassen verstecken, Bordelle, in denen sich Banditen und Matrosen aus aller Welt trafen: Als die Franzosen die Kais von Algier von den letzten herumlungernden Piraten säuberten, suchten die Schurken hier im Labyrinth der Kasbah Zuflucht. Regisseur Julien Duvivier setzte ihr mit seinem unvergessenen Film „Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier“ ein Denkmal. Der Streifen (mit Jean Gabin in der Hauptrolle) erschien 1937, also 107 Jahre nach der französischen Kolonialisierung Algeriens und beschreibt den wohl berühmtesten Teil der Küstenstadt: „Unverwundbar, unzugänglich, bevölkert von einer erstaunlichen menschlichen Fauna, ist die Kasbah der malerischste Ort der Welt.“

Was bleibt heute, über 80 Jahre nach „Pépé le Moko“, nach der Schlacht von Algier (1957), nach dem Weggang der „pieds-noirs“, der Algerienfranzosen, im Jahr 1962, nach dem Terrorismus der 1990er-Jahre von der Kasbah übrig? Weil sie nicht instand gesetzt werden, drohen die Paläste zu verfallen. Einige brachen schon zusammen, andere klammern sich an Bretter, Balken, Gerüste. Geschäfte und Handwerkerstände schließen. Die „erstaunliche menschliche Fauna“, die Duviviers Film genussvoll vorführt, einäugige Huren und lahme Bettler, ist längst in andere Halbwelten oder zweifelhafte Schattendestinationen entflohen. Aber für den Touristen, der sich in dieses Labyrinth wagt, wirkt der Charme noch intakt. Zunächst einmal, weil die Kasbah, wie alle anderen Orte in Algier, nicht wirklich touristisch ist. Noch! In den Gassen rennen Myriaden von Kindern schreiend hinter löcherigen Luftballons her, die Erwachsenen stehen rauchend in Ecken und beobachten die Fremden mit undurchdringlicher Miene. Manchmal öffnet sich eine Tür zu einem dunklen Schattenrechteck, aus dem gedämpfte Frauenstimmen hervordringen.

Wer das Glück hat, auf eine Terrasse der Oberkasbah zu steigen, findet atemberaubende Anblicke. Zu Füßen, ganz unten, der Hafen von Algier:
Er hat sich in einem halben Jahrhundert kaum verändert. Kreuzfahrtschiffe kommen und gehen. Kräne löschen die Fracht. Nicht weit entfernt liegt die moderne Neustadt, von den Franzosen erbaut. Wenn Sie die Küste entlangfahren, erreichen Sie bald den Vorort Bologhine, das ehemalige Saint-Eugène, von wo aus die Basilika Notre- Dame d‘Afrique hoch über der Steilküste noch immer die Stadt bewacht. Ihre Glocken haben seit der Ermordung der Mönche von Tibhirine aufgehört zu läuten, aber die Kirche ist bis heute aktiv. Vom Vorplatz aus, von der Esplanade, öffnet sich ein herrlicher Blick auf das Meer. Ein Ort mit Geschichte – wie jeder hier in Algier. Die Stadt zwingt den Besucher auf eine schwindelerregende Reise in nahe oder ferne Vergangenheiten, die bis heute fortwirken. Man droht fast darin unterzugehen. Um das zu vermeiden, muss man sich einfach hineinstürzen, immer weiter gehen, wahllos durch Straßen, über Boulevards über Treppen: Die Schönheit von Algier besteht aus dem ewigen Kampf zwischen Gestern und Heute, der sich vor den Augen des Spaziergängers abspielt. Ein Rat an alle Nostalgiker: Laufen Sie schnell, sonst holt die Geschichte Sie ein!

Voyageurs du Monde
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Le Roi de la Loubia Loubia, eine Suppe aus weißen Bohnen, ist ein traditionelles algerisches Gericht der Maghreb-Küche. Sie wird meist von gegrillten Sardinen begleitet und täglich in diesem belebten Lokal für einen Euro (mit Sardinen für zwei Euro) serviert. Rue Ahmed-Chaïb (ehemals Rue de Tanger)

Le Bon Sens In einer Sackgasse mit Blick auf eine kleine Gasse im Zentrum ist dies der Treffpunkt für Angestellte und Beamte aus der Nachbarschaft. Der Empfang ist voller Wärme, das Essen einfach und gut. Um zehn Euro. Rue Ahmed-Chaïb (ehemals Rue de Tanger)
Issue 98 Die Galerie liegt im ersten Stock eines schönen Gebäudes im Zentrum von Algier. Gezeigt werden zeitgenössische algerische Künstler von hohem Niveau; das Portfolio vermittelt ein ausgefallenes und lebendiges Bild der algerischen Kunstszene. Kleine Menü-Karte auf Reservierung. 98, Rue Didouche Mourad; auf Facebook

L’Arbre à dires In diesem schönen, nagelneuen Gebäude im schicken Viertel Hydra finden Sie diese moderne Buchhandlung von Editions Barzakh im Erdgeschoss, darüber ein modernes Restaurant mit Terrasse. Das Buchangebot spiegelt die algerische Intellektuellen-Szene.
48, Boulevard Sidi-Yahia, Hydra; auf Facebook