Taste

Casa con gusto

Casa Maria Luigia ist ein Fest für alle Sinne, ausgerichtet von Star-Koch Massimo Bottura und seiner Frau Lara Gilmore. Wobei sie es ist, die hier die Strippen zieht

Text: Clara Silberstein

Gastgeberin Lara Gilmore und ihr Mann Massimo Bottura, berühmtester Patron Italiens, haben ihre Möbel, ihre Kunst und ihr Herzblut in das Gästehaus im Herzen der Emilia-Romagna gesteckt

In der Lounge liegen Kochbücher und Kunstmagazine aus, im Kühlschank reifer Parmesan und gekühlter Weißwein, im Musikzimmer 12 000 (!) Vinylplatten aus der Sammlung des Hausherrn. „Benvenuti“, ruft dessen Frau ankommenden Gästen mit nur leicht amerikanisch gefärbtem Akzent entgegen. Willkommen in der Casa Maria Luigia, einem schicken Gästehaus, das in einem Park voller Bäume in der fruchtbaren und üppig grünen Landschaft der Emilia-Romagna steht. Es gehört Massimo Bottura und Lara Gilmore, die damit nicht nur ihre ansehnliche Kunstsammlung zugänglich machen, sondern auch ein echtes Defizit der Region behoben haben. Denn Italien-Fans und Gourmets, die auf ihrer Reise Modena ansteuern, hatten bislang ein Problem: kein vernünftiges Hotel weit und breit. Wer in der mit drei Michelin-Sternen ausgezeichneten „Osteria Francescana“ für mehrere Hundert Euro zu Abend gegessen hatte, musste anschließend mit einer drittklassigen Herberge vorliebnehmen oder bis nach Bologna fahren.
Dumm, fand Massimo Bottura, Patron und Chefkoch der Osteria. Was sollte er seinen Gästen sagen, die aus Dubai, Denver oder Düsseldorf anriefen und sich schon bei der Tischreservierung nach einer adäquaten Unterkunft erkundigten? „Venite a casa mia“, kann er seit knapp zwei Jahren verkünden, und obwohl er und seine Familie selbstverständlich ein ganz und gar privates Eigenheim bewohnen, ist das nicht ganz gelogen – Casa Maria Luigia, benannt nach seiner Mutter und der Herzogin von Parma, gehört ihm nicht nur. Es ist ein Haus, das seinem Geschmack und dem seiner Frau zu 100 Prozent entspricht und in dem sich jeder Gast vorübergehend als Freund der Familie fühlen darf. „Wer bei uns übernachtet, teilt unseren Lebensstil“, erklärt Lara Gilmore, die von Anfang an als treibende Kraft hinter dem Projekt stand und es nun als gut gelaunte Gastgeberin leitet, „unsere Musik, unsere Möbel sowie die Kunst, die wir zusammen gesammelt haben und die uns inspiriert.“

Kunst & Kultur wohin man blickt: In der Lobby beispielsweise hängt ein überlebensgroßes Ai-Weiwei-Triptychon aus Lego-Steinen

Die in Washington geborene Amerikanerin war immerhin in der Kunstszene tätig, bevor sie 1993 den damals noch eher unbekannten Koch in New York kennenlernte und sich von ihm zum Umzug in die italienische Provinz überreden ließ. Dass die Casa Maria Luigia zu einem angenehm unmusealen, aber dennoch bemerkenswerten Kunsthotel wurde, ist vor allem ihr zu verdanken. Tatsächlich lockt die Kunst inzwischen fast genauso viele Menschen an wie die berühmte Bottura-Küche, die es selbstverständlich auch im Osteria- Ableger, „Francescana at Maria Luigia“, gibt. Das neungängige Tasting-Menü mit vielen Bottura-Bestsellern wird in der ehemaligen Remise der Villa serviert – an schlicht gedeckten Gemeinschaftsholztischen von Postmoderne-Meister Alessandro Mendini, unter Lampen von Ingo Maurer und vor dem 13-teiligen Siebdruck „The Last Supper“ des britischen Brachialkünstlers Damien Hirst, das die vielfach vergrößerten Verpackungen frei erfundener Arzneimittel zeigt.

Damien Hirst ist nicht der einzige Big Name der Gilmore/Bottura- Sammlung. Wer die baumbestandene Allee entlangfährt, die zum Anwesen aus dem 18. Jahrhundert führt, und das gusseiserne Tor in den Hotel-Vorhof passiert, wird vor dem Eingang von der mit Blättern bekleideten Bronze „Babbo“ des Arte-Povera-Stars Sandro Chia empfangen. Auf dem Balkon direkt darüber stehen zwei überdimensionale Eisbecher – eine verspielte Keramikarbeit des jungen Süditalieners Giorgio di Palma.

Im Empfangsbereich flimmert eine Neon-Arbeit von Tracey Emin, in einem Gang stehen Marinesoldaten auf Vanessa Beercrofts Fotografie „VB39 US Navy Seals“ stramm, im verglasten Atrium hängt eine Collage von Vik Muniz und in der Lobby Ai Weiweis großformatiges Lego- Triptychon „Dropping a Han Dynasty Urn“ unter einer gewölbten, mit Stuck und Fresken verzierten Decke. Dass es bei Massimo Bottura künstlerische Ambitionen gibt, ist leicht an seinen Kult-Gerichten zu erkennen, etwa dem Dessert „Oops, mi è caduta la crostata al limone“ („Huch, mir ist die Zitronentorte heruntergefallen“): Über einem weißen Porzellan-Teller, der scheinbar zerbrochen war und mehr oder weniger geschickt zusammengeklebt wurde, ziehen sich quietschgelbe Cremespritzer, in der Tellermitte sind die Bruchstücke eines Tortenbodens zu erkennen, an der Seite hat eine Reihe bunter Farbtupfer das Unglück irgendwie unbeschadet überstanden. Pop Art auf dem Teller, sozusagen. Dazu sind in der „Osteria Francescana“ Kunstwerke zu sehen, die manchen Museumsdirektor neidisch machen dürfte: ein Gemälde mit lachenden roten Margeriten von Takashi Murakami, eine lebensgroße Figur von Duane Hanson, mehrere Werke von Joseph Beuys und „Tourists“, drei ausgestopfte Tauben auf einer Stange, von Maurizio Cattelan.

Die Hausherrin kombinierte Mies van der Rohes Barcelona-Chairs mit einem Riesenformat von Philip Taaffe (links). Eine Neon-Arbeit von Tracey Emin erhellt den Empfangsbereich

Wie kommt der Koch zu Kunst? Massimo Bottura behauptet gerne, Belle Arti und Bel Canto seien Teil seiner Erziehung gewesen. Das mag sein – er ist schließlich Italiener. Doch der entscheidende Schubser kam von seiner Frau: „Sie hat mich zur zeitgenössischen Kunst gebracht. Ich entdeckte Dinge, die ich vorher nicht sehen konnte. Lara machte das Unsichtbare sichtbar, gemeinsam begannen wir, Kunstwerke zu kaufen.“ Lara Gilmore suchte und fand. Sie wählte die Arbeiten aus, die aus ihrem Privathaus und dem Restaurant ihres Mannes ins Hotel umziehen würden. Sie ersann detailgenaue Pläne für die Platzierung der Kunstwerke, der antiken Murano-Lüster, der lässig wirkenden Vintage-Möbel von Eileen Gray, Ludwig Mies van der Rohe, Eero Saarinen und den Castiglioni-Brüdern. Sie entschied, ob die Wände der zwölf unterschiedlich gestalteten Gästezimmer mit einer Flamingo-Tapete von Gucci, einer Zeichnung von Robert Longo oder einer Fotografie von Wolfgang Tillmans geschmückt werden sollten. „Ich mag es, wenn Kunst fast heimlich in die Privatsphäre unserer Gäste eindringt“, sagt Lara Gilmore, die zu jedem Werk eine Geschichte hat, die sie aber nur auf Anfrage erzählt. „Alles muss selbstverständlich wirken, niemand soll hier vor Ehrfurcht erstarren.“ Und so kann man in Casa Maria Luigia einen wunderbar unbekümmerten Urlaub verbringen: sich morgens auf das Bottura-Frühstück freuen, tagsüber am Pool faulenzen, in der Dämmerung eine Runde Tennis spielen und abends „The Last Supper“ bewundern – vorausgesetzt, ein Stuhl ist frei.

DZ ab 450 Euro, casamarialuigia.com

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