Mit Cinemascope-Blick wartet die Pool-Terrasse der Bar „Ceresio 7” auf dem Dach der ehemaligen Zentrale des Energiekonzerns Enel auf.

Aufstrebende Metropole Mailand

Grau? zu beschäftigt? irgendwie unitalienisch? Was für ein Irrtum! Mailand ist zeitgeistorientiert, lässig und urban, fast wie London oder Berlin, aber mit deutlich mehr Sonne.

Text: Patricia Engelhorn

Neun Uhr abends, Piazza Gae Aulenti im Quartiere Isola. Gäste haben Weingläser und

aufgeklappte Notebooks auf die Terrassentische gestellt. Man hört fast nur Italienisch. Besucher von außerhalb verirren sich selten hierher, denn dies ist kein charmantes Altstadtlokal. Das „RED“ befindet sich im Erdgeschoss des Unicredit-Turms, der zwischen anderen Hochhäusern im Epizentrum des „neuen“ Mailands steht. Tatsächlich existierte der Platz vor zehn Jahren noch gar nicht. Dort, wo jetzt Wolkenkratzer in den Himmel ragen, gingen Prostituierte und Drogenhändler ihren Geschäften nach, kein anständiger Mailänder traute sich abends hierher. Tempi passati. Hinter der Piazza Gae Aulenti stehen die spektakulären Wohnhäuser des Bosco Verticale, deren Balkons mit rund 800 Bäumen und 20 000 Sträuchern begrünt sind. Dass hier nun Menschen wohnen, die sich Kosten von 15 000 Euro pro Quadratmeter leisten können, hat zu einer Aufwertung der ganzen Umgebung geführt.

Isola Bella

Das Trend-Viertel Isola wurde auch international durch
die begrünten Wohnhäuser Bosco Verticale bekannt

Fast in Rufweite kocht Küchenchef Cesare Battisti im „Ratanà” Mailands wohl bestes Safran-Risotto mit Knochenmark. Vor oder nach dem Essen trifft sich Mailands hippe Schickeria in der Bar „Frida”

Fast in Rufweite der grünen Häuser residiert das „Ratanà“ in einem Tram-Depot aus dem 19. Jahrhundert. Das Lokal gehört zu den Lieblingsadressen einheimischer Feinschmecker, Küchenchef Cesare Battisti hat es mit seiner ambitionierten Regionalküche bis in den Guide Michelin geschafft. Als Isola-Institution gilt auch die lässige Bar „Frida“, die schon 2001 in einer Reihe ehemaliger Lagerhallen und Werkstätten eröffnete. Damals kamen nur mutige Hippster, heute trifft sich hier „tutta Milano“. Architekturfans pilgern zum streng geometrischen Bau der Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron: Die Fondazione Feltrinelli beherbergt ein Kulturcenter mit Bibliothek, Buchhandlung und Café. Als Highlight der Zwillingsgebäude gilt der lichtdurchflutete Lesesaal. Ebenso spektakulär ist der weitläufige und strahlend weiße Ausstellungspalast der Galeristin Lia Rumma, in dem Arbeiten von Künstlern wie Marina Abramovic, Anselm Kiefer und Joseph Kosuth gezeigt werden.

Red Piazza Gae Aulenti 1, T. +39.02.65 56 02 59
Ratanà Via G. de Castillia 28, T. +39.02.87 12 88 55, ratana.it
Bar Frida Via Pollaiuolo 3, T. +39.02.68 02 60, fridaisola.it
Fondazione Giangia Como Feltrinelli Viale Pasubio 5, T. +39.02.495 83 41, fondazionefeltrinelli.it
Galleria Lia Rumma Via Stilicone 19, T. +39.02.29 00 01 01, liarumma.it

Der Mailänder Aperitivo ist ein abend- füllendes Vergnügen. Zwar stehen auch

Römer, Florentiner oder Venezianer vor dem Essen gerne an einer Bar und trinken einen Negroni. Und selbstverständlich werden auch anderswo ein paar Häppchen serviert. Mailand aber hat diesen Habitus zu einem Kult erhoben. Vor dem „Radetzky Cafè“ warten Gäste Abend für Abend auf einen Platz. Wer Glück hat, ergattert eines der Sofas vor der Tür. Die anderen trinken im Stehen oder sitzen auf den Mäuerchen der liebevoll angelegten Blumen-Inseln. „Wir sammeln jede Nacht das Geschirr von den Fensterbänken der umliegenden Geschäfte ein“, erzählt Inhaber Vincenzo Iannetti. Dabei zählt das „Radetzky“ nicht einmal zu den Bars mit dem besten kulinarischen Angebot. Während hier lediglich vier bis fünf Platten auf der Theke Platz finden, übertrumpfen sich andere Lokale gegenseitig mit ihrer Auswahl. In der beliebten „Bar Brera“ wird am Spätnachmittag ein Buffet angerichtet, für das man gerne bezahlen würde, auch weil man dann den ganzen Abend an einem der Terrassentische sitzen und dem Treiben im Universitätsviertel zuschauen dürfte.

Für den Cocktail „Via col Vento” mixt der Barchef der Bar „Rita” Maraschino, Yuzu-Saft, Cognac und Estragon. Die „Mag La Pusterla” eröffnete mitten in der Pandemie

In den letzten Jahren hat sich allerdings eine neue Bar-Generation etabliert – ohne Buffet, dafür mit einem anspruchsvollen Aperitivo-Angebot. In der in schönstem Retro-Look gestalteten Bar „Rita“ am Navigli-Ufer mischt Edoardo Nono so unwiderstehliche Cocktails wie „Sexy Pepper“ aus Gerstensirup, Passionsfrucht, Gin und weißem Pfeffer oder „Isolation Mode“ aus Dewar’s White Label Scotch, Yuzu und Sake. Auf dem Menü stehen Garnelen-Tatar an Mandarinenöl, Hummus auf hausgemachtem Pita-Brot und fantastische Mini-Burger. Gratis dazu gibt es sanften Jazz und ein ausgesprochen schickes einheimisches Publikum.

Als weiterer Hotspot der Mailänder Movida gilt das „Ceresio 7“ auf der Dachterrasse einer ehemaligen Elektrizitätszentrale. Man sitzt auf bequemen Sofas um den Pool, bestellt einen „Spritz Redux“ aus Americano, Franciacorta und Grapefruit-Soda mit einer Portion galizischer Sardellen auf Burrata – idealerweise zum Sonnenuntergang. In der gleichen Liga spielt das Gartenlokal „Mag La Pusterla“. Der charismatische und mehrfach ausgezeichnete Inhaber/Bartender Flavio Angiolil-lo variiert gekonnt altbekannte Klassiker – „Negroni del Marinaio“, „Americano a Fiori“ – und lässt dazu feinstes Vitello tonnato oder frittierten Stockfisch mit Tomatenmarmelade servieren. Salute!

Radetzky Cafè Corso Garibaldi 105, T. +39.02.657 26 45
Bar Brera Via Brera 23, T. +39.02.87 70 91
Bar Rita Via Angelo Fumagalli 1, T. +39.02.837 28 65
Ceresio 7 Via Ceresio 7, T. +39.02.31 03 92 21
Mag La Pusterla Via Edmondo de Amicis 22, T. +39.02.49 75 50 94

Als im September 1991 der erste Concept Store am damals noch keineswegs trendigen Corso Como eine alte Druckerei in einen so

weitläufigen wie verschachtelten Laden mit internationaler Designermode, hochkarätigem Schmuck, ausgesuchten Designobjekten, Parfüms und Büchern verwandelte, tippten sich Mailänder kopfschüttelnd an die Stirn. „Leute mit Geld – also meine potenzielle Kunden – kauften damals in der Via Montenapoleone ein“, erklärt die stets hochelegante Erfinderin Carla Sozzani. Es half sicher, dass sie selbst zur Mode-Elite der Stadt zählt. Und dass zu 10 Corso Como auch ein lauschiges Café und eine Fotogalerie gehören. Jedenfalls wurde ihre sorgfältig kuratierte Einkaufs-Erlebniswelt ein Erfolg und Vorbild zahlreicher anderer Concept Stores – weltweit, aber vor allem in Mailand.

Coole Konzepte
Der Store L’Arabesque
hat sich einen neuen,
winterweißen Look
zugelegt.

Wer den Spazio Rossana Orlandi besucht, kommt in eine farbenfrohe, romantische und sehr persönliche Welt. Sie entstand 2002 in einer ehemaligen Krawattenfabrik und gilt als Kultstätte für Designliebhaber, aber auch als Treffpunkt der wirklich schicken Schickeria. Zu sehen und zu kaufen gibt es das, was der charismatischen Rossana Orlandi gefällt: „Mein Konzept ist es, kein Konzept zu haben“, sagt sie. Wer nicht zum Shoppen kommt, kommt zum Essen, denn im Spazio Rossana Orlandi befindet sich ein Ableger des Sterne-Restaurants „Il Luogo di Aimo e Nadia“. Jüngeren Datums ist der Concept Store von Modedesigner Antonio Marras. Nonostante Marras verbirgt sich in einer ehemaligen Werkstatt in einem von Glyzinien bewachsenen Innenhof und wirkt mit seinen Samtsofas und Kristallleuchtern wie das Wohnzimmer eines Bohemiens.

Bei Nonostante Marras gibt es neben Mode und Accessoires auch seltene Vintage- Objekte, Kunst – und einen hervorragenden Cappuccino.

Stilbewusste Milanesi blättern hier durch großformatige Bildbände, durchstöbern das ausgesuchte japanische Keramik, Mode, Accessoires, Kosmetikartikel und Bücher Mode-, Schmuck- und Taschen-Angebot und verlassen den Laden mit einem Set zarter Keramik-Becher oder einem handbestickten Notizbüchlein. In spacigem Weiß präsentiert sich neuerdings Chichi Meronis weitläufiger Concept Store L’Arabesque. Auf zwei Etagen werden Vintage-Schmuck, ausgesuchte Accessoires, cooles Midcentury- Mobiliar sowie die elegante Mode der eigenen Kollektion verkauft. Dazu kommen eine feine Bücherauswahl und ein Restaurant, in dem gute Mailänder Küche serviert wird. Sushi und Soba-Nudeln gibt es dagegen bei Tenoha, dem minimalistischen japanischen Concept Store im coolen Porta-Genova-Viertel. Das lichtdurchflutete Industriegebäude aus den 30er-Jahren versammelt.

Farbe bringen die Designer-Mode, die schicken Accessoires und die Bücher mit. Tenoha gilt als erster japanischer Concept Store in Europa und bietet direkt aus dem Land des Lächelns importierte Lifestyle-Produkte.

10 Corso Como Corso Como 10, T. +39.02.29 00 26 74, 10corsocomo.com
Spazio Rossana Orlandi Via Matteo Bandello 14, T. +39.02.467 44 71, rossanaorlandi.com
Nonostante Marras Via Cola di Rienzo 8, T. +39.02.89 07 50 02, nonostantemarras.it
L’arabesque Largo Augusto 10/Largo Treves, T. +39.02.76 01 48 25, larabesque.nettenoha Via Vigevano 18, T. +39.02.80 88 91 47, tenoha.it

Die ohnehin reich bestückte Hotellerie rüstet auf – auch in Anbetracht der Olympischen

Winterspiele, die 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo ausgetragen werden. Eröffnungstermine für ein cooles 116-Zimmer-Edition-Hotel, für ein W mit Domblick, für das 15-Zimmer-Boutiquehotel Cipriani Milano und für das lang ersehnte Portrait Suites Milano, erstes Mailänder Haus der zum Ferragamo-Modeimperium gehörenden Lungarno Collection, allesamt ursprünglich für Sommer 2021 geplant, wurden erst mal verschoben. Andere haben ihr Projekt durchgezogen – etwa die italienische UNA-Gruppe. Ihr spektakuläres Hotel Milano Verticale steht im Porta-Nuova-Viertel, in Rufweite von Corso Como, Piazza Gae Aulenti und den Bars von Corso Garibaldi. Das neue Flagship-Haus der Gruppe präsentiert eine typisch Mailänder Mischung aus urbaner Eleganz, zeitgeist-orientiertem Design und perfektem Service und nimmt den Trend auf, ein Hotel zu mehr als einer Adresse für die Nacht zu machen.

 

Notti Buoni

Wer in Mailand ein schönes Hotel sucht, hat die Qual der Wahl.
Neu oder neu gemacht sind das luxuriöse Four Seasons Milano
direkt im Shopping-Eldorado Triangolo d’Oro

Am anderen Ende der Stadt eröffnet im August ein ganz anderes Hotel: das intime Sieben- Zimmer-Gästehaus Vico Milano, untergebracht in einer ehemaligen Fahrradfabrik. Es gehört der Familie Baccheschi-Berti, die sich bereits mit ihrem Castello di Vicarello in der Toskana einen Namen als talentierte, unkonventionelle Hoteliers gemacht hat. In Mailand sorgen ungewöhnliche Antiquitäten, seltene Textilien und interessante Kunstwerke für einen privaten Charakter. Trotz der begrenzten Dimensionen gibt es eine kuratierte Bibliothek, ein komfortables Wohnzimmer und eine Speakeasy-Bar, in der gut gemischte Cocktails und leckere Snacks serviert werden. Nicht neu, aber so gut wie präsentiert sich seit Anfang Juli das luxuriöse Four Seasons Hotel Milano. Es eröffnete 1993 in einem ehemaligen Kloster, das mitten im Mode-Distrikt steht und mit antiken Fresken, Parkettböden und Over-the-top-Service punktet. Anfang des Jahres schloss es seinen diskreten Eingang für eine Rundum-Renovierung unter der Leitung der Architektin und Designerin Patricia Urquiola. Die Spanierin mit Mailänder Wohnsitz nahm sich zunächst der Gemeinschaftsräume an, um dann bis zum Jahresende und bei laufendem Betrieb auch allen Zimmer und Suiten einen neuen Look zu bescheren. Es bleibt also spannend.

Vico Milano am angesagten Corso Genova
Das UNA Milano Verticale im noch angesagteren Quartiere Isola
  • Milano Vertica Le Via Carlo de Cristoforis 6, T. +39.02.30 05 50 02, unaesperienze.it, DZ ab 243 Euro
  • Vico Milano Corso Genova 11, T. +39.02.49 41 84 17, vicomilano.com, DZ ab 280 Euro
  • Four Seasons Hotel Milano Via Gesù 6/8, T. +39.02.770 88, fourseasons.com, DZ ab 720 Euro