Rio? Nein, Lugano. Aber der Blick vom Belvedere della Sighignola auf Lugano und den Monte San Salvatore offeriert schon Ähnlichkeiten.

Lage? Maggiore!

Bitte ankreuzen: das Tessin ist Paradies für Aussteiger, Rückzugsgebiet der Schweizer oder Vorposten Italiens? Tipp: Mehrere Antworten sind richtig

Text: Patricia Engelhorn
 „La Piazza”, die Seeuferpromenade von Ascona. Hier steht ein Restaurant neben dem anderen, seit letztem Sommer mit zusätzlichen Tischen auf der Seeseite

Es ist das wunderbare Klima, sagen die einen. Es ist die zauberhafte Landschaft, finden die anderen. Für das Tessin sprechen auch die entspannte Freundlichkeit der Bewohner, die südländische Lebensart, das vielfältige kulturelle Angebot, die gute Küche, das kosmopolitisch eben, kurz: Man fühlt sich ein wenig wie in Italien. Das lockt schon seit über hundert Jahren Reiselustige auf die Schweizer Alpensüdseite – man denke nur an die experimentierfreudigen Aussteiger, die zwischen 1900 und 1920 aus aller Welt kamen, um auf dem Monte Verità Veganismus und Nacktheit auszuprobieren. Sie machten den Berg der Wahrheit zum Mekka für alternativ denkende Künstler, Tänzer, Schriftsteller und Philosophen und bescherten Ascona den Ruf, ein guter Ort für einen unkonventionellen, fröhlich-freien Lebensstil zu sein. Ein gewisser Boho-Chic blieb bis heute erhalten, allerdings sind die Gäste, die im Sommer zum Apéro unter den hellen Sonnenschirmen der Bar „Marina Lounge“ direkt am Seeufer sitzen, meist ausgesprochen gut gekleidet. Doch konkurrenzlos ist Ascona längst nicht mehr im Tessin. Die Altstadt des benachbarten Locarno zum Beispiel punktet mit romantisch verwinkelten Gassen, hübschen Geschäften und dem sympathischen Ristorante „Cittadella“, in dem es das beste Fritto Misto nördlich von Venedig gibt. Im Sommer werden auf den kleinen Platz vor der Tür zwei Handvoll weiß gedeckter Tische gestellt, die nie ausreichen für

Wild at Heart oder Dolce Vita? Gerne beides. Denn zum Tessin gehören raue Täler ebenso wie die großen Seen: Badefreuden bei Lavertezzo im Verzascatal

all jene, die dort essen möchten. Schon gar nicht im August, wenn Cineasten aus aller Welt das internationale Filmfestival besuchen. Für zehn wundervolle Tage verwandeln Regisseure, Schauspieler, Journalisten und ihr Gefolge das beschauliche 16 000-Einwohner-Städtchen in eine urbane Mini-Metropole, inklusive Hollywood-Prominenz und Partyleben. Einheimische wie Besucher schätzen auch andere Kultur-Events. JazzAscona etwa mit Konzerten von Bands aus New Orleans und Europa zählt zu den bekanntesten Musik-Veranstaltun-gen der Schweiz. Das deutlich größere Lugano hält mit einem Jazz-Wochenende auf der schönen Piazza della Riforma dagegen und bietet mit dem LAC (Lugano Arte e Cultura) ein Kulturzentrum von Weltformat. Der 2015 eröffnete, 200 Millionen Franken teure Neubau steht direkt am Seeufer, mit seiner dunkel-grünen Steinfassade und dem vielen Glas ist er kaum zu übersehen. Darin untergebracht sind ein Theater- und Konzertsaal sowie das Museo d’arte della Svizzera Italiana (MASI). Dort wird ab Ende März die Austelleung “Meisterwerke der Modernen Fotografie 1900 – 1904” der Sammlung des New Yorker MoMA gezeigt. Gleich hinter dem LAC beginnt die Via Nassa, Luganos elegante Shopping-Meile mit unzähligen Juwelieren sowie den Läden von Prada, Gucci und Louis Vuitton.

Luganersee mit Blick auf den Monte Brè, Dorf und Pfarrkirche von Vico Morcote, bekannt für seine hübschen Restaurantterrassen über dem Luganersee ; Kirche des Tessiner Stararchitekten Mario Botta in Mogno; Römische Brücke im Centovalli

Allerdings ist Shopping eher als drittrangige Beschäftigung im Tessin zu betrachten, selbst Luganeser fahren dafür lieber ins nahe Mailand. Besser, man bleibt am See, schließlich locken der Lago di Lugano und der Lago Maggiore mit Badestränden, Bootsverleihen und Sportmöglichkeiten. Faulenzer verbummeln die Tenden Infrastruktur – oder an einer besonders idyllischen Stelle irgendwo am Ufer. Störende Jetskis und anderen neumodischen Kram gibt es so gut wie gar nicht, dafür zeichnen sonnengebräunte Wasserskifahrer elegante Schlangenlinien in den See. Ein bisschen wie früher wirken auch die weißen Dampferschiffe, die von einem Holzpier zum nächsten fahren und selbst kleinste Ortschaften wie Vico Morcote, Gandria oder San Nazzaro in ihre Route miteinbeziehen. Sie legen auch an den malerischen Isole di Brissago an, die mit ihrem exotischen Garten mitten im Lago Maggiore schwimmen. Als weitere, wenn nicht größere Attraktion gelten die Täler des Tessins. Kein Wunder: Valle Maggia, Valle Verzasca und Centovalli sind wildromantisch und absolut spektakulär. Wanderegen, die durch tiefe Schluchten und über uralte Steinbrücken, an trutzigen Dörfern und einsamen Almhütten vorbeiführen. Im Sommer bieten die Gebirgsseen Abkühlung. Die besten Badestellen mit den schönsten Felsformationen sind leicht zu finden – man hält, wo schon andere Autos am Straßenrand stehen, und folgt dem Trampelweg und dem großen Rauschen. Der Abstieg zu den in Jahrhunderten vom Wasser glatt polierten Steinen, auf denen man bequem in der Sonne liegen kann, ist oft nicht ganz einfach – ungeübte Besucher dürften am nächsten Tag ihre Waden spüren. Doch es lohnt sich. Die Schluchten bei Golino, Gordevio oder Ponte Brolla überraschen mit türkisblauen Naturpools, rauschenden Wasserfällen und 25 Meter hohen Klippen, die als Austragungsort von internationalen Cliff-Diving-Meisterschaften dienen. Insider nehmen einen Picknickkorb mit, verbringen den Tag am Flussufer und tauchen erst am Abend wieder in der zivilisierten Welt der Bars und Restaurants von Ascona, Locarno oder Lugano auf. Sie wissen am besten, wie das Tessin zu genießen ist.

Man hält, wo schon andere Autos stehen, und folgt dem Trampelpfad und dem großen Rauschen