Tansania

Arkadien mit Akazien

40 Jahre war der Landstrich zwischen den Nationalparks Tarangire und Lake Manyara öde und ausgestorben, nun pulsiert hier wieder das pralle Leben. Zuerst kamen die Giraffen zurück, dann die Zebras, die Gnus und schließlich die Elefanten

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben selbst: von zweien, die auszogen, Tansanias Wildnis zu retten. Und dabei drei märchenhafte Lodges schufen

Text: Reinhard Modritz
Fotos: Anke Schaffelhuber, Nicolas Negre / Chem Chem

„Kennst du die Geschichte von der Akazie und der Giraffe?“ Sokoine ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Schon den ganzen Tag lausche ich seinen Erzählungen. Seit der Massai mich heute Morgen, bildlich, an die Hand genommen hat, und mir seitdem sein Afrika zeigt, zumindest einen Teil davon. Sokoine, „der zum Markt geht, weil ich am Markttag geboren wurde“, ist mein Guide und marschiert mit mir durch die Savanne in Richtung ManyaraSee, im Nordosten von Tansania. „Zu Fuß? Ohne Gewehr?“ Sokoine deutet nur wortlos auf seinen Speer. Das sollte mich beruhigen? Meine Walking Safari wird eine Lehrstunde par excellence. Zu jedem Grashalm, zu jeder Tierfährte, jeder Losung kann mein Massai etwas erzählen, Berührendes, Lustiges, Faszinierendes. Aber die Geschichte mit der Giraffe kenne ich noch nicht. Also beginnt Sokoine zu erzählen. „Als der gute Geist alles Leben erschaffen hatte, da war die Akazie noch ein kleines Bäumchen und die Giraffe nur so groß wie eine Antilope. Ihre Lieblingsspeise waren die Blätter der Akazie. Da dachte sich die Akazie, ich wachse zu einem Baum empor, dann erreicht die Giraffe meine Blätter nicht mehr. Die Giraffe aber tat es ihr nach, streckte die Beine und den Hals und kam so wieder an die Blätter heran. Nun ließ die Akazie Dornen sprießen an ihren Ästen. Doch wieder wusste sich die Giraffe zu helfen: Sie ließ sich eine lange Zunge wachsen, mit der sie den Dornen ausweichen konnte …“

Philanthropie und Safaris treiben Fabia Bausch und Nicolas Negre an. Chem Chem ist das Kind dieser Leidenschaft. Stilvoller als in diesen drei Lodges kann man der Wildnis nicht näher kommen

Eine berührende Geschichte. So wie die Geschichte von Fabia Bausch und Nicolas Negre und ihrem Her zensprojekt Chem Chem, der Lodge, deren Gast ich bin. Sie, erfolgreiche Schweizer InvestmentBankerin, der Franzose Nicolas einstiger Großwildjäger und Fotograf, der lange in Tansania lebte. Sie finden und ver lieben sich ineinander. Sie teilt seine Leidenschaft für Afrika, dazu den Mut, neue Wege zu gehen. Die beiden beschließen, eine SafariLodge zu eröffnen. Und gleichzeitig ein Stück bedrohter Wildnis zu retten. Ihr Arkadien finden sie in der nördlichen Savanne Tansanias, unweit des NgorongoroKraters, 20.000 Hektar Niemandsland zwischen den Nationalparks Tarangire und Lake Manyara. Ein Korridor, eine Passage, die eigentlich die Tierwanderung zwischen den beiden Parks sicherstellen sollte, die aber durch illegale Rinderherden und Wilderei zerstört war. Es gilt also neben dem Aufbau der Lodge auch den Lebensraum des Wildlife sicherzustellen. Beides geht das Paar mit Verve und Herzblut an, die NonProfitOrganisation Chem Chem Association wird ins Leben gerufen.
140 Männer und Frauen aus den umliegenden Massai Dörfern finden in den kommenden Jahren Brot und Arbeit, in der Lodge, als Wildhüter oder als Lehrer in der neu gegründeten Schule. So muss der Mango Express genannte Schulbus nicht lange hupen, um morgens die Kinder einzusammeln. „Es hat keinen Sinn, wilde Tiere und ihren Lebensraum zu schützen, wenn wir uns nicht auch um die Menschen kümmern, die dort leben“, sagt Nicolas Negre.

Dank Fabias und Nicolas‘ unermüdlichen Anstrengungen kehren auch immer mehr Tiere zurück auf ihren Pfad zum Lake Manyara, um dort zu trinken. Erst die Giraffen, die Antilopen, Zebras und Büffel, die Raubkatzen und nach 40 Jahren erstmals auch Elefanten. „Uns war zumute, als wäre etwas Wunderbares geschehen. Wir waren stolz auf unsere Heimat.“ Jetzt also bin ich unterwegs mit „meinem“ Massai, auf Tuchfühlung mit diesen wunderbaren Kreaturen. „Slow Safari“, nennt das Fabia Bausch, wie passend. Aber natürlich werden auch Touren im Land Cruiser angeboten, etwa zum BuschLunch unter einem uralten Affenbrotbaum oder zum Sundowner an den ManyaraSee. Jene, die ganz hoch hinauswollen, wählen, besonders stilvoll, Fahrten mit dem Heißluftballon.

Nicht minder stylish und gelungen sind auch die drei Lodges (mit den Jahren hat Chem Chem zwei kleine Schwesterchen bekommen, Little Chem Chem und Forest Chem Chem). Jedes handgefertigte Möbel, jede Lampe, jedes Detail trägt die Handschrift, die DNA von Fabia und Nicolas; kein Interior Designer hätte es besser, authentischer machen können. Grandios auch die Fotos an den Wänden, meist in SchwarzWeiß, die Nicolas Negre im Laufe der Jahre von einmaligen Begegnungen schießen konnte.

Eines der luxuriösen Vintage-Zelte von Little Chem Chem

Chem Chem ist die größte der Logdes mit acht geräumigen ZeltSuiten für maximal 18 Gäste, jedes mit Veranda, Patio samt Day Bed, geräumigem Badezimmer plus Außendusche. Von der Terrasse genießt man den Ausblick auf die Weiten des Reservats und lebt zugleich auf Tuchfühlung mit umherstreifenden Zebras, Giraffen, ja sogar Elefanten.

Die meisten Fotos stammen von Nicolas selbst. Aber sieben durstige Löwen am Wasserloch bekommt auch er nicht alle Tage vor die Linse.

Noch mehr „down to earth“ fühlt sich der zivilisationsgestresste Reisende in Little Chem Chem. Das bildschöne ZeltCamp bietet fünf VintageSuiten im Stil der SafariPioniere, jede mit eigener Feuerstelle. „Little Chem Chem verkörpert die Essenz des Luxus im Busch und die Reinheit der in der Wildnis verbrachten Zeit“, so Fabia Bausch. Unvergesslich das Schauspiel, wenn die Elefanten direkt vor den Zelten am Wasserloch ihren Durst stillen und die Morgensonne den BurungeSee im Hintergrund zum Glitzern bringt.

Eigenhändig, mit viel Geschmack und noch mehr Herzblut hat das Paar seine Lodges eingerichtet.

Zwischenzeitlich hat die Dämmerung eingesetzt am ManyaraSee, das scheidende Licht fällt auf Aberhunderte rosa gefiederter Flamingos, und die Flammen des Feuers zeichnen abstrakte Figuren in den Himmel. Dann erzählt Sokoine seine Geschichte zu Ende. „… schließlich kam der Akazie eine Idee, und sie ließ bittere, giftige Blätter wachsen. Die kann die Giraffe zwar essen, aber nicht so viele davon, weil ihr sonst schlecht würde. So können nun beide überleben.“ Was für ein schönes afrikanisches Märchen. Und so wahr.

Die Lufthansa-Tochter Discover Airlines fliegt ab 870 Euro ab Frankfurt zum kilimanjaro Airport, discover-airlines.com.

Der Transfer zur Lodge dauert etwa 3,5 Stunden. Chem Chem und Little Chem Chem ab 920 Euro, Forest Chem Chem (vier luxuriöse Zelte, nur zur exklusiven Nutzung) ab 3400 Euro.
t. +27.21.876 23 68, chemchemsafari.com