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Das blaue Wunder

Die kroatische Adria-Insel Lošinj empfahl sich vor 100 Jahren schon einmal als Traumziel. Nach einem langen Dornröschenschlaf feiert sie jetzt ihr Comeback

Text: R.G. Falkner

Mit der Abenddämmerung kehrt in die Bars, Restaurants und Cafés der Inselhauptstadt Mali Lošinj fast ein bisschen Urbanität ein

„Ist sie nicht märchenhaft?“, fragt Peter Schoch. Doch das ist eher rhetorisch. Schließlich weiß der Schweizer, dass eine Aussicht wie die vom Monte Baston, dem Hausberg des Hafenstädtchens Mali Lošinj, sonst eigentlich nur in der Fantasie zu haben ist. Wir schauen auf die Uvala Cikat, die „Zikadenbucht“ – und können uns nicht sattsehen: umkränzt von einem Pinienwald, umspült vom lupenreinen Aquamarin der Adria, erfüllt vom Singen der namengebenden Zikaden und illuminiert von den Lichtern glamouröser Ausnahme-Hotels: dem Alhambra, dem Bellevue und den schmucken Art-nouveau-Villen Hortensia und Mirasol. Und warum sieht Peter Schoch so stolz aus? Ganz einfach. Er führt die Regie über die Lošinj Hotels & Villas. Die vier Small Luxury Hotels haben die Bay exklusiv, was die Uvala Cikat zu einer 20-Sterne- Bucht macht. Genau gerechnet, sind es sogar 21, denn sie hat die Form eines Sterns – an dem praktischerweise eine Zacke fehlt – andernfalls gäbe es keinen Zugang zur offenen See. Wie exklusiv der Standort ist, illustriert der Rundblick vom Gipfel: Ringsumher ragen karge Eilande aus der kroatischen Adria, nur Lošinj badet geradezu im Grün. „Auf der Insel gedeihen über 200 Baumarten“, schwärmt unser Gastgeber, „wie Kiefern, Pinien, Palmen, Tamarisken und Zypressen.“ Und warum dies? „Lošinj ist privilegiert mit seinen Quellen, guten Böden und der geschützten Lage. Und hat als einzige Insel der Adria ein subtropisches Mikroklima.“
Das sind gute Voraussetzungen für eine märchenhafte Karriere. Sie startete zu einer Zeit, als Österreich, im Verbund mit Ungarn, noch ein Riesenreich war und über eine ellenlange Küste verfügte, die von Triest bis hinunter nach Kotor reichte. Und während das Gros von Europas Hoch- und Geldadel an die französische Riviera strebte, gingen die Habsburger daran, die Adria mondän zu prägen. Lošinj, damals: Lötzing, sollte das Vorzeigeprojekt werden.

Die farbenfrohen Häuser rund um den kleinen Hafen haben Veli Lošinj den Beinamen Klein-Portofino eingebracht

Zunächst ließ Kaiser Franz Joseph I. für seine Sisi die Villa Karolina errichten. Heimlich nutzte er sie aber mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Katharina Schratt, weshalb der Volksmund dem Liebesnest den Namen „Villa Gspusi“ verlieh. 1912 folgte gleich nebenan das Alhambra, erbaut vom Wiener Architekten Alfred Keller – dem späteren Namenspaten des Hotelrestaurants. Leider endete das Märchen 1914, als rund 500 Kilometer östlich von hier der österreichische Thronfolger ermordet wurde. Seither lag die Bucht in einem 100-jährigen Dornröschenschlaf. Aber wie die meisten Märchen endet auch dieses gut. Davon zeugt vor allen anderen das Boutique-Hotel Alhambra & Villa Augusta. Der (arabische) Name, deutsch: „rote Festung“, erklärt sich angesichts der weinroten Jugendstil-Fassade von selbst. Im grundrenovierten Interieur dominieren warme, neutrale Pastellfarben, die das satte Grün und Blau der Natur von den Balkonen und Terrassen ihrer 51 Zimmer und Suiten umso prächtiger leuchten lassen.

Jüngster Zugang unter den Prachtbauten in der Bucht ist die versteckt liegende Captain’s Villa Rouge, die samt Pool und üppigem Park nur als Ganzes gebucht werden kann. Das Sunset Dinner genießen wir auf der Terrasse des „Alfred Keller“. Das Restaurant wäre für Gourmets Grund genug für einen Ausflug nach Lošinj. Zur atmosphärischen Einstimmung wird ätherischer Duft der Pinien geboten und ein Ufer, das den abendlichen Glanz des Alhambra widerspiegelt.
Das Restaurant hat letztes Jahr unter der Leitung des Schweizer Zwei-Sterne-Kochs Christian Kuchler mit dem jungen österreichischen Küchenchef Michael Gollenz seinen ersten Michelin-Stern erobert – ein Meilenstein für die gesamte Region. Frische Kräuter erntet der aufstrebende Jungstar im hoteleigenen Garten, Fleisch bezieht er aus zertifizierten Bio-Betrieben, Fisch bestellt er täglich frisch bei Goran, Ex-Weltmeister im Speerfischen, der ihm jeden Morgen seinen Fang per Foto schickt. Das Ergebnis: Wow! Dazu gesellen sich erlesene Tropfen aus dem „Alfred Keller“-Keller, in dem über 400 Top-Labels aus allen Alten und Neuen Welten lagern, darunter seltene Bouteillen aus dem Vorzeige-Weingut Frescobaldi. „Der Michael will noch hoch hinaus“, ahnt Schoch, „mit dem einen Stern ist er erst auf den Geschmack gekommen.“ Am nächsten Vormittag steht die Sonne gelb und warm am Himmel, in der Bucht dümpeln stolze Yachten, das Wogen der Wälder mischt sich mit dem sanften Rauschen des Meeres, die Luft ist von betörender Würze.

Jüngster Zugang unter den Prachtbauten in der Bucht ist die versteckt liegende Captain’s Villa Rouge, die samt Pool nur als Ganzes gebucht werden kann (li.). Das einstige Fischerdorf Veli Lošinj ist auch vom Wasser aus ein bezaubernder Anblick. Mondän: das 100 Jahre alte Boutique Hotel Alhambra

Zeit, die Insel zu erkunden. Etwa so groß wie Sylt, bietet sie Dutzende Buchten mit verträumten Stränden, an denen sich die Gäste der Luxushotels einträchtig neben den Locals aalen. Für uns aber ist erst mal Kultur angesagt. Die gibt es reichlich in Mali Lošinj. Die stolze Marina kündet von ruhmreichen Zeiten lange vor den Habsburgern, als „Klein-Lötzing“ eine regionale Seemacht und gleich nach Triest der größte Hafen an der Adria war. Restaurants reihen sich an Bars und Cafés, das Treiben in den Gassen ist bunt. Jüngster Stolz der Hafenstadt aber ist ein zwei Jahrtausende alter, spektakulärer Fund. Eine antike Schiffscrew muss die fast zwei Meter große Bronzestatue des Apoxyomenos im ersten Jahrhundert nach Christus während eines Sturms vor der Insel Lošinj ins Meer geworfen haben, um ihr Schiff zu retten – so besagt die Legende. 1996, nach fast 2000 Jahren auf dem 45 Meter tiefen Meeresgrund, wurde die Skulptur des griechischen Wettkämpfers zufällig bei einem Tauchgang entdeckt. Nach ihrer Restaurierung in Florenz und einer Tournee durch ein paar der wichtigsten Museen der Welt zog die komplett erhaltene Figur in ein eigens in Mali eingerichtetes Museum.

Zum Abschied verordnet uns Peter Schoch einen Abstecher in das malerische Fischerdorf Veli Lošinj (Groß-Lošinj, das originellerweise viel kleiner als Mali ist), „für die schönste Attraktion der Fünf-Sterne-Bucht“. Dazu müssen wir erst mal ein abenteuerlich aussehendes schwimmendes Etwas besteigen und weit ins Meer hinausfahren. Und dann kommen sie angeschossen, die blau-grauen Rücken mit den eleganten Flossen, nah bis ans Boot, sodass man sie beinahe tätscheln kann. „Es gibt rund 120 Delfine hier“, sagt Ivan, der Bootsführer, „wir betreuen sie im Teamwork mit dem Blue World Institute. Sie haben alle einen Namen und eine ID-Card.“ Gerade vollführt eines der Tiere einen Luftsprung. „Wie heißt denn der hier?“, fragen wir. „Ich glaube, das ist Cikat 54“, sagt Ivan und lächelt spitzbübisch dabei.

DZ ab 420 Euro, Alhambra & Villa Augusta, T. +385.51.26 07 00, losinj-hotels.com

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