Veuve Clicquot
6354 Jetzt perlt es weiblich

Jetzt perlt es weiblich

Sind die Erbinnen der Veuve Clicquot: Eine Generation Junger, ambitionierter Wein-Frauen erobert die Männerdomäne Champagner und wirft alte Zöpfe über Bord

Text: Patricia Bröhm

„Niemals”, sagt Vitalie Taittinger, „hätte ich mir träumen lassen, dass ich dieses Haus eines Tages leiten würde”

Wenn Vitalie Taittinger die Treppen zum Château de la Marquetterie hinaufsteigt, dann sind die Erinnerungen alle wieder da: Die Bilder von ihrer ersten Hochzeit, mit 21 Jahren, ein rauschendes Fest, sie trug ein weißes Kleid, einer Robe nachempfunden, die John Galliano damals für Dior entworfen hatte. Oder jener Tag, als sie mit 28 Jahren der Faszination Cham­ pagner endgültig erlag – bei einem stundenlangen Mittagessen mit ihrem Großvater, dem damaligen Bürgermeister von Reims, und Champagnerlegende Bernard de Nonancourt. Und natürlich tauchen all die Bilder von den Ernten in den Weinbergen rund um das Schlösschen wieder auf, die sie von klein auf miterlebte: „Für uns Kinder war es das Größte, wenn wir den frischen Traubensaft direkt von der Presse probieren durften.“
Das schmucke Château in der Nähe von Épernay ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Besitz der Familie Taittinger. Hier mit der heutigen Chefin des Hauses zu Mittag zu essen, ist ein Erlebnis. Nicht nur wegen der Prestigecuvée „Comtes de Champagne“, die als Blanc de Blancs des Jahrgangs 2012 zum Aperitif eingeschenkt wird, und Vitalies vieler privater Erinnerungen, die sich um das Haus ranken. Sondern auch, weil der noble Landsitz mit den dunkelblauen Fensterläden und den vielen Backsteinkaminen, 1760 im Louis­XV­Stil erbaut, jede Menge französische Geschichte atmet. Hier verkehrten vor der Revolution Voltaire und andere große Geister; im Ersten Weltkrieg war das Château Hauptquartier des französischen Generalstabs. Heute nutzt die Familie das Schlösschen zu Repräsentationszwecken. Als zur Vorspeise gezupfter Taschenkrebs mit Avocado serviert wird und der Prestigerosé im Glas perlt, erlaubt sich die sonst so beherrschte Chefin einen emotionalen Moment: „Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich dieses Haus eines Tages leiten würde.“ Doch genau so ist es – seit Anfang 2020 führt die heute 45­Jährige als „Madame la Présidente“ das prestigeträchtige Unternehmen, das als eines der letzten großen Champagnerhäuser noch in Familienbesitz ist.

Champagner wird weiblich

Eine Frau an der Spitze – das ist in einer der traditionsreichsten Weinbauregionen der Welt auch im 21. Jahrhundert immer noch die Ausnahme. Aber die Dinge ändern sich. Vitalie Taittinger trifft sich regelmäßig zum Austausch mit anderen Wein­-Managerinnen. Gemeinsam wollen sie das männlich dominierte Champagnerbusiness aufrütteln und einer jungen Generation von Frauen den Weg in Schlüsselpositionen erleichtern. „La Transmission“ und „Les Fa’Bulleuses“ sind zwei Initiativen, in denen sich Frauen aus dem Champagnerbusiness organisieren. Sie stellen festgefahrenes Denken infrage, tauschen sich untereinander aus und regen zum Diskurs zu Themen wie Nachhaltigkeit oder Klimawandel an. Taittinger selbst hatte das Glück, von ihrem Vater Pierre­Emmanuel zu lernen. Er holte sie 2007 nach ihrem Grafikdesign­Studium ins Unternehmen und stärkt ihr nach wie vor den Rücken, ebenso wie ihr älterer Bruder Clovis, der Geschäftsführer ist. Die Chefin, die heute zur Chanel­ Jacke ausgestellte Jeans trägt, ist stolz darauf, im eigenen Haus nicht die einzige Frau in einer Führungsposition zu sein: „Taittinger setzt auf starke Frauen.“ Zum Beispiel Christelle Rinville, die als Weinbergsdirektorin für die Pflege der wertvollen Reben zuständig ist. Sie kennt jeden Rebstock der 288 Hektar eigenen Weinberge persönlich; sie kann detailliert erklären, wie die fünf Grand­-Cru-­Lagen der Côte des Blancs, die in den „Comtes de Champagne“, die Prestigecuvée des Hauses, eingehen, ihre Stilistik beeinflussen, warum die Böden in Chouilly etwas fruchtigere Weine hervorbringen als in Avize und warum die aus Mesnil­ sur­ Oger etwas mineralischer ausfallen.
In Reims, der stolzen Hauptstadt der Champagne mit ihrer berühmten Kathedrale und dem vom Art Déco geprägten Stadtbild, ist Vitalie Taittinger heute nicht die einzige Chefin eines namhaften Champagnerhauses. Auch Alice Paillard, mit der sie seit Kindertagen befreundet ist, leitet seit 2019 als Directrice Générale das familieneigene Unternehmen Champagne Bruno Paillard.

Die schlanke, hochgewachsene Frau mit dem braunen Lockenkopf, Mutter von drei Kindern, ist die jüngste Tochter von Bruno Paillard, die einzige, die heute im Familienunternehmen tätig ist. Es war ihre freie Entscheidung, die Nachfolge zu übernehmen: „Unsere Eltern haben nie versucht, uns in eine Rolle zu drängen.“ Sie studierte Önologie in Reims und arbeitete zunächst im Weinhandel, lebte in London, Venedig und New York. Von dort rief sie eines Tages zu Hause an: Sie sei jetzt bereit, ins Familienunternehmen einzusteigen. „Dir ist schon klar“, antwortete ihr Vater, „dass du als Chefin morgens die Erste und abends die Letzte sein musst?“
Paillard sieht sich in einer Tradition weiblicher Führungspersönlichkeiten in der Champagne: „Bei uns waren Frauen schon immer aktiver als in anderen Weinregionen.“ Sie spielt auf die sogenannten Champagnerwitwen an, die das Image der Region maßgeblich prägten. Die berühmteste unter ihnen war die legendäre Veuve Clicquot, eigentlich Barbe­ Nicole Clicquot ­Ponsardin. 1805 übernahm sie als junge Frau nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes die Geschäfte. Als frühes Marketing­ Genie brachte sie ihre Weine bis an den russischen Zarenhof. Sie erfand das markante gelbe Etikett, das die Flaschen bis heute ziert und ihre Unterschrift trägt, ebenso das Rüttelpult, ein seither unverzichtbares Tool in der Champa­gnerproduktion. Auch Jeanne­ Alexandrine Louise Pommery setzte Maßstäbe: 1874, zu einer Zeit, als Champagner noch ein sehr süßes Getränk war, erfand sie den „Brut Nature“, eine trockene Variante, die den Weg für die uns heute bekannte Stilistik ebnete. Lily Bollinger schließlich, die das gleichnamige Haus ab 1941 30 Jahre führte, war das, was man heute eine Markenbotschafterin nennt, immer auf Reisen um die Welt, um ihre Weine zu promoten. Ihre Vorliebe für Pinot Noir und ihr Streben nach Unabhängigkeit – das Haus ist nach wie vor in Privatbesitz – prägen die legendäre Adresse in Aÿ bis heute.
Doch während die namhaften Damen zu ihrer Zeit Einzelkämpferinnen blieben, gibt es unter den heutigen Akteurinnen viel weibliche Solidarität, die Veränderungen ins Rollen bringt. Für die 34­jährige Charline Drappier ist es selbstverständlich, dass sie das Weingut der Familie eines Tages – in achter Generation – gemeinsam mit ihren beiden Brüdern führen wird: „Ich hatte das Glück, dass meine Großmutter eine sehr starke Persönlichkeit war. Ihr Vorbild machte es mir leichter, in der Familie den Platz zu beanspruchen, der mir zustand.“ Champagne Drappier liegt in Urville, einem kleinen Dorf ganz im Süden der Champagne, der sogenannten Côte des Bar, die schon seit etlichen Jahren stark im Kommen ist. Die junge Marketing­-Chefin des Hauses ist besonders stolz auf ihren Keller, einen der ältesten der Region, 1152 von Mönchen aus dem Burgund angelegt.


Auch für Charlotte de Sousa war immer klar, dass sie ihre Berufung im Weingut der Familie in Avize sah. Sie führt es seit dem Tod ihres Vaters Anfang des Jahres gemeinsam mit ihrem Bruder Valentin und ihrer Schwester Julie: „Schon als Kinder durften wir bei Tisch immer den letzten Tropfen aus dem Champagnerglas unserer Eltern probieren – um unseren Gaumen früh zu schulen.“ Das kleine Haus De Sousa zählt zu den Pionieren des biodynamischen Anbaus in der Champagne, schon im Jahr 2000 stellte Charlottes Vater Erick die Weichen dafür. Auch den Geschwistern liegt das Thema am Herzen: „Unsere besten Lagen, wo 70 Jahre alte Reben wachsen, bearbeiten wir heute wieder mit Pferden, wie unsere Vorfahren das getan haben, um die Böden nicht zu verdichten.“
Der Heilige Gral des Champagnerbusiness aber ist und bleibt der Job des Kellermeisters. Es war Carol Duval­Leroy, langjährige Chefin des gleichnamigen Champagner­ Hauses, die 2005 (!) die erste Kellermeisterin aller Zeiten in einem namhaften Haus der Region berief. Sandrine Logette­ Jardin prägt bis heute den Stil von Duval­ Leroy, und sie wirkte als Role Model: Mittlerweile haben immerhin eine Handvoll Frauen in den Kellern so namhafter Häuser wie Krug, Ayala oder Henriot das Sagen. Auch bei Perrier­Jouët in Épernay prägt seit 2020 eine Frau die Stilistik der Weine in der berühmten Flasche mit den ikonischen Jugendstil­ Anemonen: Séverine Frerson wusste schon mit 15 Jahren, dass ihre berufliche Zukunft im Champagner lag. In dem prestigeträchtigen Haus, gegründet 1811, gab es vor ihr nur sieben Chefs de Cave – Kontinuität ist alles in dieser Branche. Zwei Jahre arbeitete die zierliche Frerson Seite an Seite mit ihrem Vorgänger, dem in der Region sehr renommierten Hervé Deschamps: „Wir haben sehr viel gemeinsam verkostet, er führte mich in alle Geheimnisse des Hauses ein.“
Besonders fasziniert ist sie von den vielen historischen Jahrgängen, die noch in den Kellern lagern: „Man kann die Beständigkeit der Weine und der Stilistik des Hauses über die Jahrzehnte schmecken.“ Dass sie als Frau in diesem Job für manche Kritiker besonders im Fokus steht, lässt sie kalt. Sie weiß, was sie kann: „Als Kellermeister muss man vorhersehen können, wie sich ein Jahrgang entwickeln wird, und gleichzeitig die Aromatik der vergangenen Jahre im Kopf abrufen können, wie in einem Archiv. Ob Mann oder Frau, spielt dabei keine Rolle.“ Als größte Herausforderung für die Zukunft sieht sie den Umgang mit dem Klimawandel. Und sie will die Rolle des Chardonnays stärken, der die DNA des Hauses darstellt. Jedenfalls ist sie selbstbewusst genug, sich von dem großen Erbe nicht einschüchtern zu lassen: „Ich stehe bereit, die Geschichte des Hauses mit meinen eigenen Cuvées fortzuschreiben.“

les plus belles perles

Champagne Bruno Paillard

Ein vergleichsweise junges (erst 1981 vom Namensgeber gegrün­detes) Haus, das sich aus dem Stand in die Oberliga katapultierte. Bekannt für seine kompromisslose Qualität, die perfekt ausbalancierte Stilistik der Weine und das ökologische Engagement.

Tipp: Rosé Brut Première Cuvée, ein fein ziselierter, sehr präziser Rosé mit ultrafeiner Perlage – einer der besten Vertreter seiner Art. Av. de Champagne, Reims, T. +33.3.26 36 20 22, Mo.–Do. 8.30–12 Uhr, 14–17 Uhr, Fr. 8.30–12 Uhr, 14–16.30 Uhr, champagnebrunopaillard.com

Champagne De Sousa

Kleiner, ökologisch engagierter Winzer in Avize, bekannt für seine mineralischen und doch saftigen Bubbles, die sich perfekt als Aperitif oder zu Meeresfrüchten eignen.
Tipp: Der Brut Réserve ist die Visitenkarte des Hauses, ein reinsor­tiger Blanc de Blancs, der viel Frische, Mineralität und Rasse mitbringt. Ein typischer Vertreter der Côte des Blancs, wo auf den Kreideböden vor allem Chardonnay angebaut wird.

12 Pl. Léon Bourgeois, Avize, T. +33.3.26 57 53 29, Mo.–Fr. 8–12 Uhr, 14–16.30 Uhr, champagnedesousa.com

Champagne Taittinger

Ein echter Klassiker, 1734 gegründet und immer noch in Familienbe­sitz. Die Weine reifen in bis zu 30 Meter tiefen Kreidekellern, darunter auch die Prestigecuvée des Hauses, der „Comtes de Champagne”. Tipp: Les Folies de la Marquetterie, ein ausbalancierter, komplexer Wein, der Vitalie Taittinger besonders am Herzen liegt – die Chardon­nay­ und Pinot­Trauben stammen aus der historischen Steillage des Château de la Marquetterie.

Derzeit wegen Renovierung kein Besuch möglich, Verkostung und Verkauf siehe Demeure des Comtes de Champagne, taittinger.com

Champagne Drappier

1808 gegründet, wird das Haus an der Côte des Bars im äußersten Süden der Region bis heute von der Familie geführt. Charakteristisch sind das ökologische Engagement (CO2­neutral zertifiziert) und die Rebsorte Pinot Noir, die den Weinen Fülle schenkt.

Tipp: Der Extra Brut Clarevallis war der erste Bio­-Champagner des Hauses, er punktet mit Mineralität, Kraft und, dank 75 Prozent Pinot Noir, mit Struktur.
Rue des Vignes, Urville, T. +33.3.25 27 40 15, Mo.–Fr. 8–12 Uhr, 14–18 Uhr, champagne-drappier.com

Champagne Perrier-Jouët

Eines der ältesten Häuser überhaupt: 1811 in Épernay gegründet, darf es sich zu den „Grandes Maisons” der Region zählen. Markenzeichen sind die reichhaltige Aromatik und das berühmte Jugendstil­-Emblem auf der Prestigecuvée „Belle Epoque”.

Tipp: Der Blanc de Blancs mit feinem Mousseux und mineralischer Frische ist eine Hommage an die Rebsorte Chardonnay, die Trauben kommen ausschließlich aus Grand­-Cru­-Lagen.
26 Av. de Champagne, Épernay, T. +33.3.26 54 27 29, Do.–Mo. 11.30– 18.30 Uhr, perrier-jouet.com

Categories: Taste Schlagwörter: , , , | Comments